Geschichten zu den Glocken in Weistropp
In einem Gespräch mit Ilse und Gottfried Lucius in Hühndorf über die Erinnerungen an die feierliche Überführung der Eisenhartguss-Glocken 1949 von Hühndorf nach Weistropp wurde mir bewusst, welch große emotionale Bedeutung Glocken und – wenn sie fehlen – ihre Wiederbeschaffung für Menschen und ihr Heimatgefühl haben kann. Denn Glocken können mehr als läuten; sie erzählen Geschichte(n). Also habe ich mir die Geschichte der Weistropper Glocken genauer angeschaut und mit Erstaunen festgestellt, dass genau vor 500 Jahren, im Jahr 1521, die mittlere der heute zum Weistropper Geläut gehörenden Bronze-
Glocken gegossen wurde. Diese Glocke blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und verdient zu ihrem Jubiläum unsere besondere Aufmerksamkeit. Gegossen haben soll diese 417 kg schwere Glocke Martin (I) Hilliger, der von 1484 bis 1544 lebte. Die Gießerfamilie Hilliger, deren Mitglieder vom 15. bis 18. Jhd., also 300 Jahre, und über 9 Generationen in Freiberg und Dresden tätig waren, gehörten zu den bedeutendsten Glockengießern jener Zeit. In Sachsen sind Glocken von 11 Gießern aus 8 Generationen dieser Familie erhalten geblieben.
Eine wichtiges Datum für die Geschichte der Weistropper Glocken ist das Jahr 1836, denn am 1. Juli diesen Jahres erhielt die Weistropper Kirche ein – so beschreibt es der damalige Pfarrer Christian Julius August Schönberg in seiner Schrift „Die neuen Glocken in Weistropp“ – „schönes harmonisches Geläut“.
In der genannten Schrift beschreibt Pfarrer Schönberg ausführlich und detailliert die mit der Überführung der Glocken von Dresden über Briesnitz und Niederwartha nach Weistropp. verbundenen Feierlichkeiten, die den Charakter eines Volksfestes angenommen hatten. Und er gibt die würdigen Ansprachen und die Weihpredigt., die am Sonntag, dem 3. Juli gehalten wurde, wieder. Ausführlich wird in der Schrift die Finanzierung dargestellt, Die edlen Spender werden akribisch genannt und damit für die Nachkommen überliefert und dankbar wurde sogar ein finanzieller Überschuss festgestellt. Berührend am Schluss seiner Schrift seine Aussage, dass in der ganzen Zeit von zwei Monaten, in welcher die Glocken fehlten, in „merkwürdiger Weise aus der Parochie Niemand gestorben sei“ und der Erste, dessen „irdische Hülle ihre Trauerklänge zum Friedhof begleiten“ sein – zu dieser Zeit – einziges Kind (Eduard, 5 ½ Monate) ist. Welch menschliche Stärke. 1839 wurde sein Sohn Johann Otto geboren, der seine Nachfolge als Pfarrer in Weistropp von 1866 bis 1903 ausübte. Sein 1850 geborener Sohn Paul Gideon, zuletzt als Pfarrer in Falkenhain tätig, verstarb leider schon jung mit 32
Jahren. Nachfolger von Johann Otto Schönberg war Pfarrer Hermann Alfred Jentzsch, in dessen Amtszeit (1903 bis 1924) der 1. Weltkrieg fällt. Am 1. März 1917 erschien eine amtliche Bekanntmachung, die Einzelheiten zu Beschlagnahmung, Bestandserhebung und Enteignung sowie zur freiwilligen Ablieferung von Glocken aus Bronze enthielt. Auf Ersuchen des Königlichen Kriegsministeriums und unter Strafandrohung wurden alle Besitzer von Bronzeglocken enteignet. Im Laufe des Jahres 1917 wurde begonnen, auch alle Glocken von Kirchen zu erfassen und nach ihrem historischen Wert zu kategorisieren. Statt drei, vier oder noch mehr Glocken verblieb den meisten Kirchen im Deutschen Reich am Ende des Sommers 1917 nur noch eine Glocke zum Läuten. Aus Weistropp wurde von den drei Glocken die 1836 gegossene kleinste Glocke eingeschmolzen. Nach dem Krieg durfte man sich also nur an zwei Glocken erfreuen, die aber im Klang nicht zusammenpassten. So bemühte sich der Kirchenvorstand, unterstützt durch die große Spendenbereitschaft der Kirchgemeinde und der Patronatsherrschaft, um die Ergänzung des Geläutes durch zwei neue Glocken und schloss im Januar 1929 mit der Glockengießerei Gebr. Ullrich Apolda einen Vertrag über die Beschaffung der Glocken ab. Für die Aufnahme des neuen Geläutes war es notwendig, den alten hölzernen historischen Glockenstuhl durch einen neuen Stahlglockenstuhl
zu ersetzen, um das gegenüber dem Geläut von 1917 doppelt so schwere Geläut aufzuhängen. Am 25. Mai 1929 war es endlich so weit: Auf dem Rittergutshof wurden feierlich die vier Glocken geweiht und anschließend aufgezogen. Am nächsten Tag fand der Weihegottesdienst in der Kirche statt. Pfarrer zu dieser Zeit war Gerhard Hartmann, der 1924 nach Weistropp gekommen war. Wieder aber änderte ein Krieg die Weistropper Glockengeschichte. Begründet mit dem bevorstehenden Geburtstag von Adolf Hitler erließ Göring den Aufruf zur Spende des deutschen Volkes zum Geburtstag des Führers, die neue Metallspende. Die erst 1929 gegossene große Glocke (Glocke 1) wurde beschlagnahmt und für Rüstungszwecke eingeschmolzen und in ihre Grundbestandteile Kupfer und Zinn getrennt. Von den rund 90.000 im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten beschlagnahmten Glocken waren bei Kriegsende rund 15.000 noch nicht eingeschmolzen und konnten nach aufwändigen Identifizierungen weitestgehend wieder an ihre angestammten Plätze zurückkehren. So geschehen auch mit den Glocken 2 und 4 aus Weistropp, die am 12. Dezember 1949 zurückkehrten und zunächst nach Unkersdorf gegeben wurden. Doch zuvor war die Glockengeschichte von Weistropp bereits weitergegangen, denn man ahnte ja nicht, dass Glocken wieder heimkehren würden. 1947 wurde Gottfried Lucius konfirmiert und seinem Vater als Kirchvorsteher gefiel es überhaupt nicht, dass aus diesem Anlass nur die kleine Glocke läutete. So setzten sich er und viele Andere dafür ein, in Weistropp einen Ersatz für das fehlende Glockengeläut zu schaffen. Ein Spendenaufruf wurde gestartet, 100 Zentner Hufeisen gesammelt, Stifter für vier Glocken gesucht und gefunden. Nach langen Bemühungen wurde mit der Glockengießerei Schilling&Lattermann aus Apolda in Thüringen am 16.2.1949 der Vertrag über die Lieferung von vier Glocken aus Eisenhartguß abgeschlossen. Bereits 1918 nach dem 1. Weltkrieg gründeten der Glockengießermeister Schilling aus Apolda und der Hammerwerksbesitzer Lattermann aus Morgenröthe-Rautenkranz eine Offene Handelsgesellschaft zum Zwecke des Gusses und Vertriebes
von Eisenhartgussglocken. So kam es dazu, dass Ende März 1949 Kurt Werner aus Weistropp mit dem LKW ins Eisenwerk nach Morgenröthe zum „WMW Vereinigung Volkseigener Betriebe Werkzeugmaschinen und Werkzeuge Eisenwerk Morgenröthe“ fuhr, um die drei Glocken abzuholen. Dazu brauchte er eine Einreisegenehmigung des Kreispolizeiamtes Meißen für die Fahrt in das Sperrgebiet Aue/Annaberg/Morgenröthe/Zwickau. Zuvor waren Vertreter der Gemeinde mit der Eisenbahn ins Vogtland gefahren und hatten die Belegschaft der Glockengießerei mit Mehl und einem „schwarz“ geschlachtetem Schwein „bestochen“, dass sie den Glockenguss bevorzugt vornehmen. Die Glocken wurden auf dem Lucius-Hof in Hühndorf abgestellt, denn es bedurfte wegen der schweren Glocken des Baus eines neuen Glockenstuhles. Am 3. April 1949 fand die Glockenweihe statt. Zuvor wurden, begleitet von einer feierlichen Prozession auf einem vierspännigen Pferdefuhrwerk, die Glocken nach Weistropp
überführt. Springen wir in der Zeit ein ganzes Stück weiter. Eine kleine unendliche „DDR-Beschaffungsgeschichte“ rankt sich um das Vorhaben des Einbaues einer elektrischen Glockenläuteanlage. Diese wurde
im Sommer 1973 von Pfarrer Kleemann (Pfarrer von 1968 bis 1977) bei der Firma Glockenläuteanlagen Otto Reichenbach in Dresden bestellt. Dafür musste aber die Aufhängung entsprechend verändert werden. Also wurden eiligst beim VEB Apoldaer Glockengießerei „gekröpfte Joche“ bestellt; dort wies man aber bereits auf lange Wartezeiten hin. Immerhin 1977 kamen von dort Monteure, um
die Aufmessung vorzunehmen, nachdem Pfarrer Kleemann die Bestellung weiterhin bestätigt hatte. Sein Nachfolger, Pfarrer Becher (Pfarrer von 1978 bis 1989) „klopfte“ 1979 nochmal in Apolda an und das Werk teilte ihm stolz mit, dass die Fertigung und Montage in den Produktionsplan des 1. Quartals 1980 eingeordnet ist. Dann war mal der Monteur erkrankt oder es stand kein Montagefahrzeug zur Verfügung. Anfang Januar 1981 erfolgte der Einbau, aber nun gab es wieder ein Problem, denn der beim VEB Apoldaer Glockengießerei bestellte 2 Meter lange Läutearm für die große Glocke wurde
zwar nach deren Aussage Ende Januar 1981 mit der Reichsbahn abgeschickt, aber das Frachtgut verschwand auf dem Transport. Erst Mitte Juli konnte Pfarrer Becher den Empfang des inzwischen gefundenen Läutearms bestätigen. Und nun machen wir einen Sprung in die Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre. Zu dieser Zeit wurde festgestellt, dass sich der Bauzustand des Turmes, bedingt durch das für den Turm viel zu große und zu schwere Geläut stark verschlechterte Wegen Rissen an den Glockenjochen wurde für zwei Glocken 2002 ein sofortiges Läuteverbot verhängt. Ende Oktober 2002 begannen die Bauarbeiten am Turm. Dabei mussten alle tragenden Elemente aus Holz ausgetauscht werden, denn die meisten Teile waren schon bei der Erhöhung des Turmes 1701 eingebaut worden, also nunmehr 300 Jahre alt. Noch vor Weihnachten, am 12. Dezember, wurde das im Vergleich zu dem Geläut von 1836 dreimal so schwere Glockengeläut aus Stahlguss ausgebaut. Auch wurde festgestellt, dass die Laterne und die Spitze des Turmes so stark beschädigt waren, dass die Spitze abgenommen, die Holzteile zu großen Teilen ersetzt und notwendigerweise die Spitze neu mit Kupfer verblecht werden musste. Dies alles war Anlass, das schwere Glockengeläut abzulösen. Als zur Musikalischen Andacht am Altjahresabend in Unkersdorf das vertonte Gedicht Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ erklang, musste ich daran denken, dass ich unlängst im Buch „Glocken in Sachsen“ ein Zitat aus seinem Brief gelesen hatte, den er im Juli 1943 im Gefängnis in Tegel an seine Eltern schrieb: „Liebe
Eltern! Wenn am Sonnabend abends um 6 Uhr die Glocken der Gefängniskirche zu läuten anfangen, dann ist das der schönste Augenblick, um nach Hause zu schreiben.
Im Jahr 2003 gaben die Unkersdorfer ihre zwei nach dem letzten Kriege von Weistropp erhaltene Glocken (die von 1521 und 1836) wieder zurück. Das Weistropper Geläut wurde vervollständigt durch den Guss einer klangmäßig passenderen Bronzeglocke aus der Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer. Bei der Gestaltung dieser kleinsten Glocke orientierte man sich an der seit 1917 fehlenden Glocke. Am 3. Oktober 2004 feierte die Gemeinde im Erntedankgottesdienst die Glockenweihe. Nun klingt das Weistropper Geläut wieder wie das Geläut der Kirche von 1836 bis 1917. Im Austausch erhielt Unkersdorf die
Glocke 3 des Weistropper Geläutes von 1929 und ließ sich ebenso eine neuen Bronzeglocke in Lauchhammer gießen. Viele Spender trugen zur Finanzierung der Glocke bei. Pfingsten 2004 erfolgte die Glockenweihe. Und was ist aus den vier Eisenhartgussglocken des Weistropper Geläutes von 1949 geworden? Alle haben ein würdiges neues Zuhause gefunden. Die größte von ihnen steht an der Sachsdorfer Schule. Sie trägt die Inschrift „O Land, Land, Land, höre des HERRN Wort!“ (Jerem. 22,29). Für diese Glocke war damals Pfarrer Hartmann von Haus zu Haus gegangen und es wurden Spenden in Weistropp, Hühndorf, Kleinschönberg, Wildberg und Niederwartha eingesammelt. Die zweitgrößte steht bunt bemalt vom Hühndorfer Malermeister Lucius vor der Weistropper Kirche mit der Inschrift „Glaube an den Herrn Jesum“ AG 16,31. Gestiftet hatte sie Familie Erich Lucius, Bauer und Kirchvorsteher in Hühndorf. Die drittgrößte Glocke befindet sich auf dem „Belgerhof“ in Hühndorf. Sie trägt die Inschrift „Gott ist die Liebe“ Joh. 4, 46. Gestiftet wurde sie von Familie Erich Förster, Bauer in Hühndorf (der „Försterhof“ ist jetzt der „Belgerhof“), s. a. Artikel in „Meine Kirche“ Heft August/September 2020. Die kleinste Glocke mit der Inschrift „Seid fröhlich in Hoffnung“, Römer 12,12 steht auf dem an der Straße nach Kleinschönberg befindlichen Weistropper Friedhof. Ihre Stifterin war die Jungbäuerin Eva Maria Zscheile aus Wildberg. Friedrich Schiller ließ sein 1799 verfasstes „Lied von der Glocke“ mit den Worten enden: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.“ Es gibt kaum einen Kulturgegenstand, der so von Krieg und Frieden betroffen ist, wie die Glocken in unseren Kirchen. Mögen uns die Glocken in unserer Gemeinde in den Türmen und „am Boden“ als Friedenszeichen bewahrt bleiben.